Die Brücke zum Film

Ein paar hundert Meter außerhalb des geschäftigen thailändischen Ortes Kanchanaburi ist der Grund für dessen Bekanntheit erreicht: Die Brücke,Hauptdarstellerin im Film "Die Brücke am Kwai". STEFAN MAY
Bruecke am River Kwai, Kanchanaburi, ThailandFröhliche Radiomoderatoren übersetzen den Filmtitel in der Ansage des berühmt gewordenen gepfiffenen Marsches mit "die Zahnprothese auf der Jagdtrophäe (die Brücke am Gweih). Vor einem schwarzen Mauerbogen, auf dem die Geschichte dieses Verkehrsweges auf Thai und Englisch beschrieben ist, schwingt sich die Bahntrasse über den Stationsplatz auf die legendäre Brücke: Weiße, inzwischen schmutzig-bemooste Betonstützen im braunen Fluss, auf denen wie in derb aufgespreizten Händen die schwarzen Stahlbögen ruhen. Nichts Besonderes, würde der Unbedarfte meinen, doch sind beim Bau der Bahn 1942 ungefähr 1600 alliierte Kriegsgefangene und etwa 100.000 Kulis aus Südostasien ums Leben gekommen.

Brücke 1945 von Bombern zerstört Als "Death Railway" ging die Strecke deshalb in die Geschichte ein. Auf Befehl der japanischen Besatzungsmacht wurde sie in nur wenigen Monaten durch unwegsames Gelände geschlagen, um Thailand mit Burma auf 415 Kilometern Landweg zu verbinden. Unterernährung, Malaria und Cholera rafften die Zwangsarbeiter dahin.

Die Brücke über den Kwai ist nicht mehr das Original, sie wurde 1945 von amerikanischen Bombern zerstört. Heute wirkt der Ort ein wenig wie ein Disneyland im Handbetrieb: Eine rostige Dampflok mit japanischer Aufschrift vor einem Museum, daneben Stände unter Markthallendächern, die Jadearmreifen, Tischlampen, Holzelefanten, Strohhüte, T-Shirts und Rollkoffer anbieten.

Tag für Tag spazieren Fremde auf Metallplatten zwischen den Schienen ans andere Ufer und wieder zurück. Wer sich in die lautlos dahingleitenden Fluten stürzen will, könnte dies aufwandslos mit einem Schritt zur Seite tun. Nicht jedermanns Sache, weshalb für die wenigen wagemutigen ein Draisinenzug zwischen den beiden Brückenköpfen pendelt. Wenn er tutend naht, müssen die Fußgänger auf eine der zwischen den Brückenpfeilern montierten Plattformen ausweichen. Angeblich waren die gelben Wägelchen schon zur Bauzeit im Einsatz, amphibisch, mit gegebenenfalls herabzulassenden Gummirädern.

Am drüberen Ufer schaut man nicht mehr in die lehmige Brühe unter den eigenen Füßen, da ist es ein Meer schmutziger Sonnenschirme, unter denen ähnlicher Ramsch angeboten wird wie jenseits der Gestade. Hier heißt das aber "Burmesian Giftshop" mit zusätzlich ein paar Pfauen im Käfig und zwei Babyelefanten an zu kurzen Fußketten. Alles an Kleinkram ist hier erwerbbar, nur nicht das Buch von Pierre Boulle als Ursprung allen Trubels.

Auf der Kanchanaburi-Seite schaukelt das "Floating Restaurant" im Fluss. Am meisten dann, wenn eines der mit Lkw-Motor betriebenen schmalen Boote vorbeirast. Dunkelviolette Blumen zieren außen das Lokal, Seerosen kleben am Ufer, leise wimmern Thai-Schlager. Das Leid des Kriegs als Nährboden prosperierender Gegenwart.

Hinter den Marktdächern versteckt sich das japanische Kriegerdenkmal in einem Garten mit einem Obelisken in der Mitte, zwischen sich gegen Asphaltkrausen behauptenden Magnolienbäumchen. In den vier Ecken Gedenknischen: Für Moslems, für Chinesen, für Vietnamesen und für die Kriegsgefangenen. Auf einer Schleife eines Kranzes aus Kunstblumen liest man "In Love and Memory". Gemeint ist offenbar der nette Junge in Uniform auf dem verwaschenen Schwarz-Weiß-Foto darüber, der unbekümmert unter einem verwegen über die rechte Kopfseite gezogenen Schiffchen lächelt. "Uncle Henry Charles Plumridge, 26 or 27 August 1944, Gunner of the Royal Artillery", steht darunter geschrieben.

Mehr von der Tragödie "Death Railway" lässt der Soldatenfriedhof im Zentrum von Kanchanaburi ahnen: Exakt in Reih und Glied haben sie zu ruhen, selbst für die Ewigkeit, die Soldaten aus Grobritannien, den Niederlanden, Australien und, in einer eigenen Abteilung, "Soldiers of War - Known unto God". Die Rasenstücke vor quadratischen Steinplatten mit karger Benennung des Toten sind exakt geschnitten. 1000 Opfer des mörderischen Eisenbahnbaus ruhen hier, ein Vierzigstel der heutigen Stadtbevölkerung.

Unmittelbar neben dem Friedhof steht das "Death Railway Museum". Es erzählt von den Entbehrungen der Kriegsgefangenen, ihren Leistungen und ihrem Scheitern im ungewohnt humiden Klima. Schienennägel stehen für jeweils 500 Tote einer Nation.

Film läuft in der"No Name Bar" "Die Brücke am Kwai" - die "No Name Bar" im Ortszentrum spielt laut Ankündigung auf einer Schiefertafel am Eingang um halb sieben Uhr am Abend den Film mit William Holden. Man sitzt mit einem Getränk halb auf der Straße und verfolgt zweieinhalb Stunden lang die historische Unwahrheit - dennoch gespannt, auch wenn die Videoqualität nicht gut ist und die Mopeds unaufhörlich vorbeimeckern.

Mit dem tatsächlichen Geschehen hat der Film nicht viel mehr als den Namen gemein. Das Schicksal der Brücke war ein anderes, auch der Fluss sieht anders aus, das weiß ich seit ein paar Stunden. Es ist keine "Bridge Over Troubled Water", wie es der Filmklassiker suggeriert. Selbst die unruhigen Zeiten, die Tragödien rund um sie, sind Geschichte. Glücklicherweise.

 

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