Fröhliche
Radiomoderatoren übersetzen den Filmtitel in der Ansage des berühmt
gewordenen gepfiffenen Marsches mit "die Zahnprothese auf der Jagdtrophäe
(die Brücke am Gweih). Vor einem schwarzen Mauerbogen, auf dem die
Geschichte dieses Verkehrsweges auf Thai und Englisch beschrieben ist,
schwingt sich die Bahntrasse über den Stationsplatz auf die legendäre
Brücke: Weiße, inzwischen schmutzig-bemooste Betonstützen im braunen Fluss,
auf denen wie in derb aufgespreizten Händen die schwarzen Stahlbögen ruhen.
Nichts Besonderes, würde der Unbedarfte meinen, doch sind beim Bau der Bahn
1942 ungefähr 1600 alliierte Kriegsgefangene und etwa 100.000 Kulis aus
Südostasien ums Leben gekommen.
Brücke 1945 von Bombern zerstört Als "Death Railway" ging die Strecke
deshalb in die Geschichte ein. Auf Befehl der japanischen Besatzungsmacht
wurde sie in nur wenigen Monaten durch unwegsames Gelände geschlagen, um
Thailand mit Burma auf 415 Kilometern Landweg zu verbinden. Unterernährung,
Malaria und Cholera rafften die Zwangsarbeiter dahin.
Die Brücke über den Kwai ist nicht mehr das Original, sie wurde 1945 von
amerikanischen Bombern zerstört. Heute wirkt der Ort ein wenig wie ein
Disneyland im Handbetrieb: Eine rostige Dampflok mit japanischer Aufschrift
vor einem Museum, daneben Stände unter Markthallendächern, die
Jadearmreifen, Tischlampen, Holzelefanten, Strohhüte, T-Shirts und
Rollkoffer anbieten.
Tag für Tag spazieren Fremde auf Metallplatten zwischen den Schienen ans
andere Ufer und wieder zurück. Wer sich in die lautlos dahingleitenden
Fluten stürzen will, könnte dies aufwandslos mit einem Schritt zur Seite
tun. Nicht jedermanns Sache, weshalb für die wenigen wagemutigen ein
Draisinenzug zwischen den beiden Brückenköpfen pendelt. Wenn er tutend naht,
müssen die Fußgänger auf eine der zwischen den Brückenpfeilern montierten
Plattformen ausweichen. Angeblich waren die gelben Wägelchen schon zur
Bauzeit im Einsatz, amphibisch, mit gegebenenfalls herabzulassenden
Gummirädern.
Am drüberen Ufer schaut man nicht mehr in die lehmige Brühe unter den
eigenen Füßen, da ist es ein Meer schmutziger Sonnenschirme, unter denen
ähnlicher Ramsch angeboten wird wie jenseits der Gestade. Hier heißt das
aber "Burmesian Giftshop" mit zusätzlich ein paar Pfauen im Käfig und zwei
Babyelefanten an zu kurzen Fußketten. Alles an Kleinkram ist hier erwerbbar,
nur nicht das Buch von Pierre Boulle als Ursprung allen Trubels.
Auf der Kanchanaburi-Seite schaukelt das "Floating Restaurant" im Fluss.
Am meisten dann, wenn eines der mit Lkw-Motor betriebenen schmalen Boote
vorbeirast. Dunkelviolette Blumen zieren außen das Lokal, Seerosen kleben am
Ufer, leise wimmern Thai-Schlager. Das Leid des Kriegs als Nährboden
prosperierender Gegenwart.
Hinter den Marktdächern versteckt sich das japanische Kriegerdenkmal in
einem Garten mit einem Obelisken in der Mitte, zwischen sich gegen
Asphaltkrausen behauptenden Magnolienbäumchen. In den vier Ecken
Gedenknischen: Für Moslems, für Chinesen, für Vietnamesen und für die
Kriegsgefangenen. Auf einer Schleife eines Kranzes aus Kunstblumen liest man
"In Love and Memory". Gemeint ist offenbar der nette Junge in Uniform auf
dem verwaschenen Schwarz-Weiß-Foto darüber, der unbekümmert unter einem
verwegen über die rechte Kopfseite gezogenen Schiffchen lächelt. "Uncle
Henry Charles Plumridge, 26 or 27 August 1944, Gunner of the Royal
Artillery", steht darunter geschrieben.
Mehr von der Tragödie "Death Railway" lässt der Soldatenfriedhof im
Zentrum von Kanchanaburi ahnen: Exakt in Reih und Glied haben sie zu ruhen,
selbst für die Ewigkeit, die Soldaten aus Grobritannien, den Niederlanden,
Australien und, in einer eigenen Abteilung, "Soldiers of War - Known unto
God". Die Rasenstücke vor quadratischen Steinplatten mit karger Benennung
des Toten sind exakt geschnitten. 1000 Opfer des mörderischen Eisenbahnbaus
ruhen hier, ein Vierzigstel der heutigen Stadtbevölkerung.
Unmittelbar neben dem Friedhof steht das "Death Railway Museum". Es
erzählt von den Entbehrungen der Kriegsgefangenen, ihren Leistungen und
ihrem Scheitern im ungewohnt humiden Klima. Schienennägel stehen für jeweils
500 Tote einer Nation.
Film läuft in der"No Name Bar" "Die Brücke am Kwai" - die "No Name Bar"
im Ortszentrum spielt laut Ankündigung auf einer Schiefertafel am Eingang um
halb sieben Uhr am Abend den Film mit William Holden. Man sitzt mit einem
Getränk halb auf der Straße und verfolgt zweieinhalb Stunden lang die
historische Unwahrheit - dennoch gespannt, auch wenn die Videoqualität nicht
gut ist und die Mopeds unaufhörlich vorbeimeckern.
Mit dem tatsächlichen Geschehen hat der Film nicht viel mehr als den
Namen gemein. Das Schicksal der Brücke war ein anderes, auch der Fluss sieht
anders aus, das weiß ich seit ein paar Stunden. Es ist keine "Bridge Over
Troubled Water", wie es der Filmklassiker suggeriert. Selbst die unruhigen
Zeiten, die Tragödien rund um sie, sind Geschichte. Glücklicherweise.
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