|
Mancher Thailand-Urlauber bleibt bewusst im Land, um so zu helfen
Von Volker Klinkmüller
Das Bild vom Traumurlaub unter Palmen ist für viele derzeit nur noch schwer
erträglich. Deshalb zählen auf deutschen Flughäfen in diesen Tagen nicht nur
Rückkehrer, Angehörige und Rettungskräfte zu den begehrtesten
Interview-Partnern, sondern auch Urlauber, die trotz allem in Richtung
Katastrophengebiet abheben wollen.
Angesichts der ungeheuerlichen Fotos und Filmaufnahmen von den
Verwüstungen, Verletzten und Leichenbergen am Strand erscheint es zunächst
verwunderlich bis befremdlich, dass es Mitmenschen gibt, die sich noch zur
Erholung und Entspannung nach Südostasien aufmachen wollen. Doch dort unten
werden sie sehnsüchtig erwartet – zum Beispiel in der Metropole
Bangkok, im Norden Thailands (Chiang
Mai, Chiang Rai,
Mae Hong Son)
und vor allem auch in den zahlreichen Badezielen der Golfküste,
die gänzlich unberührt geblieben sind von der Zerstörung.
Menschen, die Urlaub machen, wollen unbeschwert sein – und ihre Stimmung
nicht von Einheimischen in Not drücken lassen. Wer trotz der erschütternden
Bilder nach Südostasien reist, hat nicht nur gemischte Gefühle, sondern
zumeist auch gute Gründe: Viele haben den Urlaub schon lange geplant und
gebucht, kennen das Land und die Menschen, wissen also, was sie erwartet.
Andere wollen unbedingt schon lange im Land lebende Freunde und Bekannte
besuchen.
Und gibt es auch Touristen, die ihre Asien-Reise – nur wenige Tage nach der
Katastrophe – ganz bewusst antreten, weil sie es als einen Akt der
Solidarität oder gar als Alternative zu einer einfachen Geldspende für die
in Not geratenen Regionen verstehen. Mitunter wird sogar auf das Beispiel
von Alt- Bundeskanzler Helmut Kohl verwiesen, der sich trotz der Katastrophe
nicht hatte aus seinem Ayurveda-Urlaub auf Sri Lanka evakuieren lassen.
„Wir haben derzeit noch eine Auslastungs-Quote von 70 Prozent“, sagt Hajo
von Keller als Besitzer des „Mangosteen“-Hotels auf
Phuket, das auf einem
Hügel liegt und von der Katastrophe völlig unberührt geblieben ist. Die
meisten seiner Gäste, für die er sobeben einen Restposten neuer
Sonnenschirme erstehen konnte, gingen inzwischen wieder an den Strand,
erzählt der Hotelchef. Einige besuchten auch abends die Vorführungen der
bereits wieder eröffneten „FantaSea“-Show.
Am Silvestertag konnte er sogar zehn neue Gäste begrüßen, die ihre
Thailand-Reise nicht storniert hatten. „Entscheidend für uns hier auf der
Insel ist“, betont der 42-jährige Deutsche, „dass die Medien in Zukunft
zwischen Phuket und Khao Lak, das es ja wirklich ganz grausam erwischt hat,
differenzieren können.“ Davon werde es abhängen, in welchem Ausmaß es für
das Frühjahr zu Stornierungen kommen – und ob sich das Geschäft fortsetzen
lassen werde.
Auf
Koh Chang indes – nach Phuket die zweitgrößte Insel des Landes und im
völlig unbetroffenen Golf von Thailand gelegen – wird erwartet, dass sich
die Katastrophe kaum auf den Besucherstrom auswirkt. „Sicherlich werden nun
etliche Touristen von ihren Thailand-Reisen zurücktreten“, meint James
Brunner. „Doch diese Lücken dürften durch diejenigen ausgeglichen werden,
die eigentlich an der Andamanen-See urlauben wollten.“
Die ersten Touristen aus dem Süden seien bereits – zum Teil sogar mit
leichten Verletzungen – in seinem 80-Zimmer-Hotel „Plaloma Cliff Resort“
eingecheckt. „Und aus Deutschland haben sich nun schon mehrere
Reiseveranstalter angesagt, die hier neue Hotel-Kapazitäten ausloten
wollen“, berichtet uns der 49-jährige Schweizer.
Trotz aller Zeichen der Hoffnung befürchtet Thailands Tourismus-Minister
Sonthaya Khunpluem, dass im Jahr 2005 als „Worst-Case-Scenario“ rund 3,2
Millionen (etwa ein Viertel) weniger ausländische Besucher nach Thailand
kommen könnten. Das jedoch würde seiner Einschätzung nach rund 200 000 der
insgesamt rund drei Millionen Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie des
Königreichs gefährden. Die Einnahmen aus dem Tourismus machten zwar
landesweit nur etwa sechs Prozent des Bruttosozial-Produkts aus, doch sei
der durchschnittliche Anteil in den jeweils betroffenen Provinzen weitaus
höher. Hier gebe es für die Menschen nur Fischfang, etwas Landwirtschaft und
eben der Fremdenverkehr.
Auch Zahlen für die Schäden von Hotels auf Koh Phi Phi (rund 4000 Zimmer)
und in Khao Lak (etwa 6000 Zimmer) wurden bereits errechnet: Die staatliche
Tourismus-Behörde TAT schätzt die Kosten für diese beiden am schlimmsten
betroffenen Urlaubs-Destinationen auf insgesamt 12,8 Milliarden Baht (250
Millionen Euro).
|